Homeoffice ist bei Wildling normal – schon immer

Selbstbestimmt, produktiv – und glücklich. Homeoffice ist bei Wildling normal – schon immer. Doch damit „Remote Work“ gut funktioniert, braucht es gemeinsame Werte und Ziele.

Drei wesentliche Argumente sprachen für Homeoffice, als mein Mann Ran und ich begann, an Wildling zu arbeiten. Die Gründe waren 6, 4 und ein Jahr alt – meine jüngste Tochter habe ich noch gestillt. Wir fuhren 2014 das Unternehmen aus dem Arbeitszimmer im ländlichen Engelskirchen hoch, zunächst nur davon motiviert, körpergerechte Minimalschuhe für unseren Nachwuchs herzustellen. Denn im Regal lag nichts, was uns überzeugte.

Wildling Shoes

Noch heute muss ich meine Haustür nicht öffnen, um neue Schuhe mit unserem 200-köpfigen Team zu entwickeln. Wir produzieren in Portugal und vertreiben im D2C-Modell mit schlanker Logistik. Ausnahmslos gilt: Remote first. Könnte Wildling als Blaupause für andere dienen, wenn es um bewusst gewähltes Homeoffice geht? Ich denke: absolut. Wenn der Wille da ist. Dabei geht es um mehr als stabile Internetverbindungen und gute Digitaltools. Das Wichtigste ist Kopfsache: Denn nur mit der richtigen Einstellung im Team, einer ausgeprägten Vertrauenskultur und einer überraschend wichtigen, analogen Spaß-Komponente kann „Remote Work“ seine volle Kraft entfalten.

Einige Vorteile sind offensichtlich: Ein gemeinsames Mittagessen mit der Familie genießen und danach ins Video-Meeting eine Tür weiter gehen – ich mag das. Hätte ich mein Büro ins 40 Kilometer entfernte Köln verlegt, würde mir schon im Stau auf der A4 vor dem Kreuz Köln-Ost die Lust vergehen. Wieso sollte ich annehmen, dass das bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern anders wäre? Örtliche Flexibilität erspart viel tote Pendelzeit und damit Stress. Man könnte sagen: Der erste Impuls für Homeoffice bei uns war Zufall, doch aus dem Tun wuchs Überzeugung.

Unter den ersten Angestellten waren Sarah und Sascha, ein Ehepaar. Beide waren zuvor bei der Polizei beschäftigt, wählten aber ein Leben als Wildling – ohne Schichtdienst, mit mehr Zeit für ihre fünf Kinder. Heute leitet Sarah unser People&Culture-Team, Sascha die Logistik. Welch großen Reiz das flexible Homeoffice-Modell gerade auf Eltern ausübt, wurde uns rasch klar. Wir erhalten unheimlich viele Initiativbewerbungen, von Menschen, die sich mit unserem Unternehmen und unserer Arbeitsweise identifizieren. Sie schätzen unseren Ansatz der radikalen Kollaboration, die auf Empathie und dem Streben nach Veränderung beruht.

Die dritte Mitarbeiterin bewarb sich aus einem Ort im Schwarzwald. Als wir uns das erste Mal physisch begegneten, hatten wir schon ein Jahr lang gut zusammengearbeitet. All das mag merkwürdig wirken, nachdem ja Unternehmenskultur im letzten Jahrzehnt eher getrimmt wurde auf zufallsgetriebene Geistesblitze in Kaffeeküchen und am Kicker.

Und in der Tat: Die soziale Interaktion darf beim hochproduktiven Austausch über Asana und Google-Meet nicht zu kurz kommen. Spontaneität und Bausteine aus der Präsenzkultur bleiben wichtig, gerade um Spaß und Kreativität zu fördern. Das haben wir in der Corona-Krise schmerzhaft gelernt, als der Lockdown unser frei gewähltes Konzept zum Zwang verkehrte.

Nun steuern wir gegen, indem wir fest eingeplante Quatsch-Meetings in Kleingruppen initiieren. Einziges Tabuthema: der Job. Man erzählt sich lustige Storys oder berichtet von Dingen, die einen bewegen. Man könnte meinen, das sei Vergnügen nach Vorschrift, aber die bereichernde Vertrautheit stellt sich tatsächlich auch im Videocall ein. Die virtuelle Weihnachtsfeier mit dem Glas Wein vor dem Laptop tat uns gut. Solche Off-Topic-Treffen sind viel wichtiger, als uns lange Zeit bewusst war. Nach Corona lassen wir eine gute Tradition wieder aufleben: Zweimal im Jahr trommeln wir alle zusammen nach Engelskirchen ans echte Lagerfeuer. Da geht es um Teambuilding, ganz ungezwungen.

Kosten zu sparen – das war nie unser Motiv für Homeoffice, sondern bestenfalls ein Nebeneffekt. Was wir aber wirklich sparen: eine Woche Lebenszeit pro Person und Jahr. Vermieden werden auch viele Tonnen CO2 – nicht nur durch die verzichtbare Pendelei. Hätten wir Büros, die ja nachts leer stehen, würden auch unsinnige Energie- und Heizkosten anfallen. Mittlerweile bin ich überzeugt: Büros in die Städte zu klotzen, ist ein völlig ineffizienter Umgang mit Fläche.

Gerade in unserer Start-up-Phase hat uns das Homeoffice vermutlich eine ganze Kaskade von Umzügen erspart: Erst mietet man zu groß, nimmt andere mit rein, doch dann wächst man schnell raus und mietet woanders wieder zu groß. Dieses wahnsinnig anstrengende Bürohopping blieb Wildling erspart. Hinzu kam: Wir konnten und können genau die Leute einstellen, die zum Job und zu uns passen. Als Start-up hat man nur wenig Sicherheit anzubieten. Einen Umzug überlegen sich Kandidat*innen da zweimal. Einen Umzug nach Engelskirchen dreimal. Doch dank unserer dezentralen Struktur konnten wir wunderbar passgenau rekrutieren – in ganz Deutschland und darüber hinaus.

Anfangs lief das oft impulsgesteuert: Erst ging es um den Menschen, dann überlegten wir die passende Position. Heute gehen wir zwar gezielter vor, aber noch immer ist die Übereinstimmung unserer Leute mit den Wildling-Werten und unserer spezifischen Arbeitsweise ein zentraler Punkt. Wir orientieren uns nicht an Zeiten, sondern an Ergebnissen. Wer so tickt, zieht aus der Freiheit und Familienfreundlichkeit zusätzliche Motivation. Unsere Frauenquote liegt bei 75 Prozent, der Altersschnitt bei 37 Jahren. Ein Hort für Hipster sind wir nicht.

Wen wir tatsächlich nicht anziehen: digitale Nomaden, zu deren Lebensentwurf es gehört, am Strand von Bali das Laptop aufzuklappen. In der gleichen Zeitzone zu arbeiten und auch für die regelmäßigen echten Treffen unkompliziert anreisen zu können, das ist uns wichtig. Wer Zufriedenheit am Gehalt oder Dienstwagen festmacht, landet ebenfalls nicht bei uns. Da wirkt schon unser Gehaltsdeckel in den Top-Jobs als Filter.

Bewährt haben sich unsere Co-Working-Spaces mit jeweils acht Arbeitsplätzen, die wir in den Showrooms in Berlin, Köln und Engelskirchen eingerichtet haben. Wem die Decke auf den Kopf fällt, trifft sich hier mit Kolleginnen und Kollegen. Die Räume sind für alle Wildlinge online buchbar und werden vielfältig genutzt: Als Treffpunkt für Workshops, Projekt-Kick-offs oder Interviews und Recruiting-Gespräche, die auch wir nicht gerne an unserem Esstisch führen möchten. Und wenn ich mal in Berlin bin, weiß ich, wohin ich mich zurückziehen kann.

Und wie steht es um die Selbstorganisation? Wie weiß man, was wann zu tun ist? Als Leitschnur definieren wir sogenannte OKRs: Objectives and Key Results. Bei diesen Vier-Monats-Zielen, die auf unseren Unternehmenszielen beruhen, wird für jede Person das geplante Pensum heruntergebrochen. Die individuellen Ziele schlägt zunächst jede und jeder selbst für sich vor – dann werden sie im Team vereinbart. Mit diesem Orientierungsrahmen, der für alle einsehbar ist, fahren wir sehr gut. Es hängen weder Prämien noch Strafen an den OKRs – aber man erkennt gut und transparent, wo etwas klemmt und warum.

Was die Ausstattung im Homeoffice angeht, halten wir es flexibel: Wir kooperieren mit einem Leihmöbel-Anbieter, denken also nachhaltig. Viele nutzen jedoch lieber die eigenen Möbel und Endgeräte. Unsere Kollaborations-Tools laufen alle browserbasiert, so dass nichts installiert wird auf den Rechnern. Zur Überwachung der Arbeitszeit nutzen wir auf freiwilliger Basis das Programm Papershift. Allerdings dient das nicht der Firma als Trackingtool, sondern vielmehr dem Selbstschutz vor zu viel Arbeit, was im Homeoffice schnell einmal passiert. Es kam vor, dass wir Leute aus einem Chat schmeißen müssen, weil sie doch eigentlich frei haben. Auch Abschalten will gelernt sein.

Fünf Tipps für das Homeoffice:
1. Die Zukunft liegt in einer hybriden Arbeitsweise. Dabei sollte man „Remote first“ denken und handeln – und erst dann sinnvolle Präsenz-Bausteine hinzunehmen.
2. Den menschlichen Faktor nicht unterschätzen. Jedes Team braucht Chancen, auch Freizeit und Spaßzeit miteinander zu verbringen.
3. Klare Strukturen und Prozesse sind noch wichtiger als in einer Präsenzkultur. Ein OKR-System bringt Transparenz in gemeinsame und persönliche Ziele.
4. Unabdingbar ist ein guter Arbeitsplatz, an dem man sich wohlfühlt.
5. Damit echte Gemeinschaft entstehen kann, muss das Team ein Wertesystem teilen.

Mehr über Wildling Shoes www.wildling.shoes

Zur Autorin: Anna Yona
Gemeinsam mit ihrem Mann Ran hat Anna Yona 2014 Wildling Shoes gegründet – das Produkt: Barfußschuhe. Der Unternehmerin geht es um Purpose: Die Art der Wertschöpfung muss fair sein, sinnstiftend und regenerativ. So ist Homeoffice kein Zufall, sondern ein Statement.