Nachhaltigkeit über den Inhaberwechsel hinaus

Unternehmensnachfolge ist Stresstest für verantwortliches Unternehmertum

Eine Unternehmensnachfolge zeigt mit ungewöhnlicher Schärfe, wie nachhaltig ein Unternehmen tatsächlich aufgestellt ist. Solange der bisherige Inhaber selbst führt, lassen sich viele Schwächen über Erfahrung, persönliche Beziehungen und unmittelbare Entscheidungen ausgleichen. Er kennt die wichtigen Kunden, weiß, welcher Lieferant auch in schwierigen Situationen verlässlich ist, hält Mitarbeiter im Unternehmen, entscheidet über Investitionen und besitzt häufig ein sehr genaues Gespür dafür, welche wirtschaftlichen, sozialen und regionalen Verpflichtungen mit seinem Unternehmen verbunden sind. Vieles davon erscheint selbstverständlich, weil es über Jahrzehnte gewachsen ist. Mit dem Wechsel an der Spitze entfällt jedoch die Person, die diese Zusammenhänge zusammengehalten hat. Dann zeigt sich, welche Verantwortung tatsächlich im Unternehmen verankert wurde und welche bislang vor allem über den Inhaber funktionierte.

Nachhaltigkeit bekommt im Nachfolgeprozess deshalb eine Bedeutung, die weit über Energieverbrauch, Klimabilanzen oder regulatorische Berichtspflichten hinausreicht. Ein zukunftsfähiges Unternehmen braucht belastbare Lieferketten, qualifizierte und gebundene Mitarbeiter, dokumentiertes Wissen, effiziente Ressourcenverwendung, klare Führungsstrukturen, nachvollziehbare Verantwortlichkeiten und eine Reputation, die auch nach dem Ausscheiden des bisherigen Eigentümers trägt. Gerade im Mittelstand gehören viele dieser Prinzipien seit Jahrzehnten zur Unternehmensführung, lange bevor sie unter Begriffen wie ESG zusammengefasst wurden. Langfristige Geschäftsbeziehungen, Ausbildung, sparsamer Umgang mit Material, regionale Verantwortung oder der Anspruch, auch in schwierigen Zeiten verlässlich zu bleiben, entstanden häufig aus einem unternehmerischen Selbstverständnis heraus. Die Nachfolge zwingt dazu, dieses Selbstverständnis genauer zu betrachten und seine wirtschaftliche Bedeutung sichtbar zu machen.

Nachhaltigkeit besitzt einen Unternehmenswert

Für einen potenziellen Nachfolger sind solche Faktoren keineswegs weiche Begleiterscheinungen. Eine Produktion mit hohem Energieverbrauch kann erheblichen Investitionsbedarf erzeugen. Eine starke Abhängigkeit von wenigen Lieferanten erhöht Risiken. Eine Organisation, deren Wissen sich überwiegend in den Köpfen einzelner Mitarbeiter oder des Unternehmers befindet, wird bei einer Übergabe verwundbar. Hohe Fluktuation, fehlende Nachwuchsentwicklung oder ungeklärte Verantwortlichkeiten können ebenso relevant werden wie technische Rückstände oder eine schwache Kapitalausstattung. Banken, Investoren und Käufer betrachten ein Unternehmen daher zunehmend unter einem erweiterten Risikobegriff, der ökologische, soziale und organisatorische Faktoren einbezieht. Genau an dieser Stelle wird Nachhaltigkeit zu einem Bestandteil von Unternehmenswert und Verhandlungsposition. Häufig wird in diesem Zusammenhang ausdrücklich der Zusammenhang zwischen Lieferketten, Energie, Führung und Unternehmenskultur sowie die Bewertung durch Banken und Investoren beschrieben.

Eine kluge Vorbereitung der Nachfolge wird deshalb prüfen, wo sich wirtschaftliche und nachhaltige Ziele miteinander verbinden lassen. Eine energieeffizientere Maschine reduziert im besten Fall Kosten, Emissionen und Ausfallrisiken zugleich. Moderne Gebäudetechnik kann den Ressourcenverbrauch senken und einen absehbaren Investitionsstau vermeiden. Automatisierung kann Prozesse stabilisieren und gleichzeitig auf den Fachkräftemangel reagieren. Weiterbildung und Wissensmanagement reduzieren die Abhängigkeit von einzelnen Schlüsselpersonen. Transparente Führungs- und Entscheidungsstrukturen erleichtern dem Nachfolger die Übernahme und schaffen Vertrauen bei Mitarbeitern, Finanzierungspartnern und Geschäftspartnern. Der Nachhaltigkeitsbegriff gewinnt damit Kontur, weil er in konkreten unternehmerischen Entscheidungen sichtbar wird. Die wirtschaftliche Wirkung solcher Maßnahmen lässt sich häufig sogar leichter beurteilen als die Wirkung repräsentativer Investitionen, deren Beitrag zur Zukunftsfähigkeit gering bleibt.

Der Inhaber hinterlässt mehr als Vermögenswerte

Besonders anspruchsvoll wird die Übergabe dort, wo Werte und Verantwortung bislang kaum formalisiert wurden. Ein Unternehmer, der seit Jahrzehnten junge Menschen ausbildet, hat daraus möglicherweise nie ein Nachhaltigkeitsziel formuliert. Für ihn gehörte es schlicht zum Selbstverständnis eines guten Betriebs oder des ehrbaren Kaufmanns. Ein langjähriger Lieferant wurde vielleicht auch in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten gehalten, weil Verlässlichkeit und gegenseitiges Vertrauen einen Wert besitzen, der sich in keiner einzelnen Bestellung ausdrückt. Regionale Vereine, soziale Projekte oder lokale Institutionen wurden unterstützt, weil das Unternehmen sich als Teil seines Umfeldes begreift. Solche Entscheidungen prägen die Unternehmenskultur und häufig auch die Reputation. Sie können über Jahrzehnte Vertrauen erzeugen, das für Mitarbeiter, Kunden und Geschäftspartner einen realen wirtschaftlichen Wert besitzt.

Dauerhafte Tragfähigkeit einer unternehmerischen Haltung

Der Nachfolgeprozess sollte deshalb sichtbar machen, welche Logik hinter solchen Entscheidungen steht. Die bloße Forderung, alles müsse weitergeführt werden wie bisher, würde den Nachfolger unnötig festlegen und zugleich den eigentlichen Kern verfehlen. Ausbildung kann künftig andere Berufsbilder, Kooperationen oder Qualifizierungswege benötigen. Regionale Verantwortung kann andere Formen annehmen. Neue Technologien können Ressourcenverbrauch, Produktionsverfahren oder Lieferketten verändern. Entscheidend ist die Fähigkeit des Unternehmens, seine Verantwortung unter veränderten Bedingungen weiterzuentwickeln. Nachhaltigkeit beschreibt in diesem Sinne keine Konservierung bestehender Verhältnisse. Sie beschreibt die dauerhafte Tragfähigkeit einer unternehmerischen Haltung.

Genau deshalb kann Nachhaltigkeit auch ein Innovationstreiber sein. Wer Energieverbrauch, Materialeinsatz, Lieferketten, Mobilität oder Personalentwicklung systematisch betrachtet, stößt zwangsläufig auf Fragen, aus denen neue Produkte, Verfahren und Geschäftsmodelle entstehen können. Ressourceneffizienz erzeugt Innovationsdruck in der Produktion, regionale Wertschöpfung verändert Beschaffungsstrategien, knappe Fachkräfte beschleunigen Automatisierung und Qualifizierung, veränderte Kundenanforderungen schaffen neue Märkte. Nachhaltigkeitsfragen werden regelmäßig zum Ausgangspunkt für solche grundlegenden Fragestellungen und verbinden sie mit Energieeffizienz, CO₂-Reduktion, resilienten Lieferketten sowie einem zeitgemäßen Verständnis von „Made in Germany“.

Nachhaltigkeitsziele müssen Entscheidungen ermöglichen

Nachhaltigkeitsziele können während einer Unternehmensnachfolge eine wichtige Funktion übernehmen, wenn sie aus dem tatsächlichen Geschäftsmodell entstehen. Allgemeine Leitbilder schaffen wenig Orientierung, solange unklar bleibt, welche Konsequenzen daraus für Investitionen, Mitarbeiter, Lieferanten oder die Unternehmensorganisation folgen. Ein sinnvoller Rahmen macht Risiken und Abhängigkeiten sichtbar, setzt Prioritäten und schafft Kriterien, anhand derer Entscheidungen nachvollzogen werden können. Für den Nachfolger entsteht dadurch eine Grundlage, auf der er das Unternehmen eigenständig weiterentwickeln kann. Gerade in einer Phase, in der Mitarbeiter und Geschäftspartner die neue Führung noch nicht aus eigener Erfahrung beurteilen können, gewinnt diese Nachvollziehbarkeit erhebliches Gewicht. Nachhaltigkeitsziele im Nachfolgeprozess sind deshalb auch ein Orientierungsrahmen, der finanzielle, kulturelle und strukturelle Dimensionen miteinander verbindet.

ESG-Kriterien, Nachhaltigkeitsaudits oder Zertifizierungen können dabei hilfreich sein, sofern sie tatsächlich zur Unternehmenssteuerung beitragen. Ihr Wert entsteht durch die Erkenntnisse, die sie über Risiken, Ressourcenabhängigkeiten, Führung, Lieferketten oder Unternehmenskultur liefern. Eine formal erfüllte Dokumentation verändert wenig. Ein Unternehmen, das daraus konkrete Maßnahmen ableitet und deren Entwicklung nachvollziehbar macht, gewinnt dagegen ein Instrument für Führung, Finanzierung und Unternehmensbewertung. Gerade im Nachfolgeprozess kann diese Transparenz Unsicherheit reduzieren und dem Erwerber zeigen, an welchen Stellen das Unternehmen bereits belastbar aufgestellt ist und wo weiterer Entwicklungsbedarf besteht.

Verantwortung in langfristige Orientierung in Strukturen überführen

Am Ende berührt die Unternehmensnachfolge damit eine der grundlegendsten Fragen nachhaltigen Unternehmertums: Was bleibt von einem Unternehmen bestehen, wenn die Person geht, die es aufgebaut und geprägt hat? Ein wirtschaftlich erfolgreicher Betrieb kann über Jahrzehnte von einem außergewöhnlich starken Unternehmer getragen worden sein. Nachhaltigkeit zeigt sich erst dort, wo seine Leistungsfähigkeit, seine Verantwortung und seine langfristige Orientierung in Strukturen überführt wurden, die auch unter neuer Führung funktionieren. Der Nachfolger übernimmt dann mehr als Vermögenswerte, Verträge und Marktpositionen. Er übernimmt ein Unternehmen, das gelernt hat, wirtschaftlichen Erfolg, Ressourceneffizienz, soziale Verantwortung und gute Führung miteinander zu verbinden und diese Verbindung unter neuen Bedingungen weiterzuentwickeln.

Genau darin liegt die nachhaltigste Form der Unternehmensnachfolge: Ein Unternehmen bleibt handlungsfähig, weil seine Zukunft nicht mehr von einer einzelnen Person abhängt und die Verantwortung, die seinen bisherigen Erfolg getragen hat, über den Inhaberwechsel hinaus wirksam bleibt.

 

Über den Autor
Thorsten Luber ist Diplom-Kaufmann sowie Gründer und Inhaber von Luber Consulting. Luber Consulting ist eine der führenden deutschsprachigen Boutique-Beratungen für Strategie und Unternehmensnachfolge im inhabergeführten Mittelstand. Thorsten Luber ist Gründer der Nachfolgeinitiative www.nachfolge-chance.de, Buchautor und mehrfach ausgezeichnet für seine erfolgreichen Konzepte in kleinen und mittleren Unternehmen. Er hat unter anderem Spitzenunternehmen wie BMW, BASF, DHL, Fresenius Medical Care und Boehringer Ingelheim in strategischen Projekten beraten und begleitet. Das in Bonn ansässige Beratungsunternehmen hat mehrere Mitarbeiter und legt besonderen Wert auf eine nachhaltig wirksame Begleitung in Projekten. Weitere Informationen unter https://luber-consulting.com.

Buchempfehlung: „Unternehmensnachfolge: Strategien – Emotionen – Perspektiven“
Mit „Unternehmensnachfolge: Strategien – Emotionen – Perspektiven“ hat Thorsten Luber ein umfassendes Praxisbuch zur Unternehmensnachfolge vorgelegt. Auf 588 Seiten behandelt er die wirtschaftlichen, strategischen, steuerlichen, rechtlichen, persönlichen und gesellschaftlichen Fragen, die Unternehmer vor, während und nach einer Übergabe beschäftigen. Nachhaltigkeit, Innovation, Digitalisierung und verantwortliche Unternehmensführung bilden dabei einen eigenen Schwerpunkt. Das Buch richtet sich vor allem an Unternehmer, die ihre Nachfolge frühzeitig vorbereiten, einen Verkauf erwägen oder bereits vor konkreten Übergabeentscheidungen stehen. Ergänzt wird Lubers eigene Perspektive durch Beiträge und Einschätzungen zahlreicher Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Weitere Informationen zum Buch, zu den Inhalten und zur Leseprobe gibt es unter https://luber-consulting.com/unternehmensnachfolge/.