Das Etikett auf einem Honigglas im Verkaufsregal empfängt uns mit den Worten „Grüße aus dem Schwarzwald.“ Das gefällt uns: Honig aus deutschen Landen, je nachdem wo man wohnt sogar direkt aus der Region. Es gibt sie: eine wachsende Zahl an Verbrauchern, die nachhaltige Produkte kauft; eine starke Bewegung, die sich ehrliche, nachhaltige Produkte und Dienstleistungen wünscht – nachhaltig in ihrer Qualität, nachhaltig aber auch in Sachen Umweltbilanz. Die Sehnsucht der Menschen nach Ehrlichkeit wächst, das muss auch uns Unternehmern bewusst sein.

nachhaltige Produkte werden gewünscht
Jürgen Linsenmaier | Gründer ETHIK SOCIETY

Zurück zu den „Grüßen aus dem Schwarzwald“. Das Kleingedruckte auf der Rückseite des Honigglases verrät die Wahrheit: Beim vermeintlichen Schwarzwald-Honig handelt es sich um EU-Honig, der innerhalb der Europäischen Union (EU) überall dort eingekauft wird, wo er gerade günstig angeboten wird. Aus dem Schwarzwald stammt lediglich das Glas, in das der Honig bei der Abfüllung fließt – und manchmal nicht einmal das. Was aber bringt Unternehmer dazu, auf derart irreführende Weise zu werben? Ganz einfach: Schlagwörter wie „regional“ „von Natur aus gut“, „bio“, „natürlich“, „naturals, „frisch“, „Reinheitsgebot“, „Heimische Wiesen“ oder „Naturkompetenz“ bringen Aufmerksamkeit, mehr Umsatz und höhere Gewinne. Warum? Weil sie dem wachsenden Wunsch der Verbraucher nach ökologischen, nachhaltigen Produkten entsprechen, die von einem Unternehmen stammen, das fair mit Mitarbeitern und Ressourcen umgeht. Dieses Wissen machen sich leider nicht nur „die Guten“ zu Nutze: Plötzlich schreiben sich auch Unternehmen ein „grünes“ Siegel auf die Fahne, die alles andere als ethisch oder ökologisch wirtschaften. „Greenwashing“ nennt sich diese fragwürdige PR-Methode, die darauf abzielt, einer Firma in der Öffentlichkeit ein umweltfreundliches und verantwortungsbewusstes Image zu verleihen, ohne dass es dafür eine Grundlage gäbe. All diese Unternehmen, die Sichtbarkeit ohne Substanz in den Vordergrund rücken, haben den Megatrend Nachhaltigkeit erkannt und nutzen ihn aus. Keiner möchte vor seinen Anteilseigner und Aktionäre eingestehen müssen, dass er diese gewinnbringende Strömung verpasst hat. Also werden entsprechende Schlagworte kurzerhand in das Marketing eingebaut, obwohl tatsächlich noch keinerlei nachhaltige Konzepte im Unternehmen integriert sind. Kommunikation ohne Substanz, nenne ich das – mitunter könnte man es sicherlich auch eine glatte Lüge nennen.

Und die Werbeagenturen? Die sind froh um jeden Etat, den sie erhalten – so zumindest scheint es. Sie stellen nichts in Frage. Mit viel Glück gibt es maximal eine schwarze Liste, in der steht, dass man Aufträge von Rüstungskonzernen ablehnen würde. Ja, ethisches Verhalten verlangt nach Mut und nach Rückgrat – auch von Agenturen.

Werbung und cleveres Marketing haben also immer noch ein sehr hohes Täuschungspotenzial. Die Täuschung findet oftmals innerhalb des gesetzlichen Rahmens statt, das aber macht sie nicht weniger unethisch. Denn: Unternehmen müssen sich aus einem eigenen Antrieb heraus anständig gegenüber ihren Kunden verhalten, und nicht nur deshalb, weil es der Gesetzgeber vorgibt – genau das ist Ethik.

PS.: Der Hersteller des „Schwarzwälder“ Honigs hat übrigens seine Verpackung nach einer Abmahnung zeitnah geändert. Kompliment!

 


Jürgen Linsenmaier| Chefredakteur
Pragmatische Ethik heißt das Erfolgsrezept – ein Handeln, das gleichermaßen den wirtschaftlichen Interessen und der Gesellschaft dient. Jeder kann pragmatische Ethik in seinem Betrieb umsetzen. Jürgen Linsenmaier hat sich zum Ziel gesetzt, dabei zu helfen. So ist er Vortragsredner, Marketingberater, Chefredakteur Wirtschaft & Ethik und Gründer der ETHIK SOCIETY.

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